Glarner Kantonalbank

((Titel:))
Gruetzi in New Glarus, Wisconsin.

((Bildlegende Autokennzeichen „Gruetzi“:))

Hier spricht man Schweizerdeutsch: Kaum zu glauben, aber mitten in den Vereinigten Staaten liegt ein von Glarner Emigranten bevölkertes Dorf, das seit gut 150 Jahren nicht aufhört, die Traditionen seiner Vorfahren hochzuhalten. Willkommen in New Glarus.

((Bildlegende Ortstafel:))

Eingebettet zwischen sanften Hügelzügen und ausufernden Wäldern, ist das Städtchen am Little Sugar River nur eine halbe Autofahrtstunde von Madison, der Hauptstadt von Wisconsin, und knapp drei Stunden von Chicago O’Hare entfernt.

Wie man, nach gut dreistündiger Fahrt von Chicago, auf dem Highway 69 die Ortstafel von New Glarus passiert, eröffnet sich einem eine Welt, die sich der Schweizer Verkehrsverein nicht fantastischer hätte ausdenken können: ein Stadtbild, geprägt von zahlreichen, stilechten Chalets, die oft mit deutschen Haussprüchen verziert sind und auf deren Dächern stolz Schweizer Flaggen wehen; lebensgrosse Plastikkühe, die am Strassenrand weiden; Strassennamen wie “Heidi Court”, “Edelweiss Circle” oder “Elmer Road“ – bis ins letzte Detail dient die Schweiz, und Glarus im Speziellen, als Vorbild. Selbst die Fauna, mit den vielen für diese Region untypischen Tannen, verbreitet eine surreale, schweizerische Stimmung. Zu guter Letzt würde sich das monumentale Gebäude des Hotels “Chalet Landhaus” wohl auch als Aushängeschild von Gstaad ganz gut behaupten..

((Bildlegende Alphornbläser, Oktoberfest:))
Fast jeder Tag ein Feiertag: Nebst dem zweitägigen Oktoberfest zelebriert der New Glarner auch noch das Schwingfest, seit 1968 das Schützenfest, den St. Nicholas Day, seit 1965 das im Juni stattfindende Heidifestival, am 1. August den Swiss Independence Day – an dem gejodelt, Taler und Fahnen geschwungen, Alphorn und Handörgeli gespielt wird – das seit 1928 vom New Glarus Yodel Club veranstaltete Sängerfest und natürlich das legendäre Wilhelm Tell-Festival am Labour Day Weekend, welches mittlerweile bis zu 10’000 Zuschauer anzieht.

Welcome to New Glarus.
Man merkt schnell, dass das “Grüezi”, welches sich die New Glarner als Willkommensgruss zu Nutze machen, mehr Floskel als wahre Bewandtnis in Schweizerdeutsch ist. Seit den durch die US-Behörden erschwerten Einreisebestimmungen besuchen nun mal immer seltener waschechte Schweizer das entlegene Dörfchen im Herzen von Green County und da genügen ein paar Brocken Deutsch, um die gelernte “Swissness” zu unterstreichen. Heutzutage sind es vornehmlich amerikanische Reisegruppen, die anlässlich der zahlreichen Festivitäten, die in New Glarus das ganze Jahr über stattfinden, einen Tagesausflug nach „America’s Little Switzerland“ unternehmen.

Eine Geschichte, wie sie nur Amerika schreiben kann.
Früher war das noch alles etwas anders. In den jungen Jahren des Dorfes lebten die Einwohner überwiegend von der Landwirtschaft und als 1910 in New Glarus die Pet Milk Farm ihre Tore öffnete, wurde diese Fabrik schnell zum Hauptarbeitgeber für die gesamte Region. Selbst aus der Schweiz wurden Arbeitskräfte rekrutiert, die zu Hunderten per Schiff einwanderten und dem Ort den ersten grösseren Bevölkerungszuwachs bescherten. Doch das plötzliche Wirtschaftswunder war nur von kurzer Dauer. Als die Farm 1962 Konkurs ging, wurde nicht nur zahllosen Bürgern die Existenzgrundlage entzogen, auch New Glarus als Gemeinde stand vor einem historischen Einschnitt. Erneuter Pioniergeist riss das Steuer noch einmal herum und holte dank beständiger Förderung des Fremdenverkehrs die Kleinstadt aus ihrer ersten grossen Depression. Dieser bewegten Vergangenheit verdankt New Glarus schliesslich seinen gegenwärtigen Status – ein überregionales Prestige, welches die Nachbarsiedlungen buchstäblich in den Schatten stellt. New Glarus ist der Star unter den Gemeinden im Bundesstaat Wisconsin und ist für seinen Charme mittlerweile weit über die Staatsgrenzen hinaus bekannt. Nicht von ungefähr erklärte unlängst eine Zeitung aus Chicago das “Kleine Schweizerland” zum “best getaway for a day” – das attraktivste Tagesausflugsziel diesseits der fünf grossen Seen.

Der ganz eigene Charakter des 2000-Seelendorfes widerspiegelt sich auch immer wieder darin, wie liebenswürdig die New Glarner einem ihr Städtchen präsentieren, ihre Lebensgeschichten und die ihrer Vorfahren erzählen, einen zu sich nach Hause einladen und einfach helle Freude zeigen, Besuch aus der alten Heimat empfangen zu können. In Pauline Otts Haus, einem der grössten und ältesten örtlichen Chalets, hängen zwei riesige Landkarten an einer Wand – eine Schweizer Karte und eine der USA, auf denen die Besucher einen Pin in ihren Wohnort stecken und sich so verewigen dürfen. Ob es die sportbegeisterte Wittwe eines Tages noch erleben wird, aus jedem Ort dieser Welt jemand bei sich zu Besuch gehabt zu haben? “Das ist nicht so wichtig für mich. Das mit den Landkarten ist halt einfach ein Brauch, den ich schon seit ewig pflege.”

Vor gut 150 Jahren war hingegen auf der Landkarte, wo heute New Glarus liegt, bloss ein weisser Fleck. Als Nicholaus Dürst und Fridolin Streiff von der Glarner Regierung offiziell über den grossen Teich gesandt wurden, um ein geeignetes Stück Land zu finden, auf dem die geplante Kolonie errichtet werden konnte, gab es hier ausser reichlich Nutzholz und fruchtbarem Boden vielleicht nur noch die günstigen Handelswege zu den Märkten von Milwaukee. Die 480 Hektaren Land wurden mit dem Darlehen gekauft und bereits im August 1845 trafen nach viermonatiger, beschwerlicher Reise 108 Emigranten im heutigen New Glarus ein. Aus purer Not und weniger aus Abenteuerlust machten sich diese Menschen auf in eine neue, Erfolg versprechende Welt. Es war die Wirtschaftskrise in Europa, die zu dieser Zeit Tausende in die Ferne trieb, wo sie ihr neues Glück suchten. Den Ankömmlingen auf dem fremden Kontinent wurden pro Kopf sieben Hektaren Land zugeteilt und so gedieh mitten in den Vereinigten Staaten ein kleiner Weiler, dessen Bewohner den Sitten ihrer Ahnen bis zum heutigen Tag treu geblieben sind und nie den Stolz auf ihre Herkunft verloren haben.

((Bildlegende Pauline Ott:))
Pauline Ott lässt für Gäste aus der Schweiz schon auch einmal ein Spiel ihrere geliebten Footballmannschaft, den Green Bay Packers, links liegen.

Swissness made in USA.
Noch immer hat eine Grosszahl der Bürger von New Glarus eine Ahnenlinie, die über wenige Generationen direkt in die Schweiz führt. Nachnamen wie Hoesly, Gmur, Aebly, Voegeli, Streiff, Stüssy, Luchsinger oder Kubli sind fast schon so inflationär, dass man zu glauben neigt, am Ende sei hier irgendwie jeder mit jedem verwandt. Auf diese etwas unbequeme Frage antwortet John Marty vom Swiss Historical Village Museum humorvoll: “Wir selbst sagen uns immer, dass es eigentlich seltsam ist, dass wir nicht seltsam aussehen.” So wird auch von einem jungen Schriftsteller berichtet, der bereits in den 50er-Jahren unaufhörlich mit seinen Anekdoten und Gerüchten langweilte, wer den nun mit wem auf welche Art verbändelt sein soll. Bis man merkte, dass er mit seiner laienhaften Ahnenforschung bloss die Gemeinde vor Inzucht bewahren wollte.

New Glarner, die in der Schweiz geboren wurden, gibt es heute nur noch wenige. Hans Lenzlinger ist wohl einer der prominentesten Originalschweizer. Toni Zgraggen, der Betreiber der “Whistle Stop”-Sandwichbar, wohl der neuste. Vor 15 Jahren brach der Urner mit Sack und Pack ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf und ist demzufolge der letzte Einwanderer aus der alten Heimat. Ein gebürtiger Oltener erzählt überdies, dass er sich auf ein 1971 im Blick erschienenes Inserat gemeldet hatte, welches Schweizern die Vorzüge von New Glarus pries und zur Auswanderung aufrief. Aber inzwischen ist viel Wasser den Little Sugar River hinuntergeflossen und seit Zgraggens Ankunft hat sich kein gebürtiger Schweizer mehr für einen solchen Schritt entschieden. Viele ältere Bewohner – vorallem die, die selbst noch Dialekt sprechen – würden es begrüssen, wenn erneut mal wieder “richtige” swiss people hier ihre Zelte aufschlagen würden. Bekanntlich leben Traditionen ja nicht ausschliesslich vom Hörensagen.

((Bildlegenden:))
Elda Schiesser tut sich nicht nur als minuziöse Historikerin ihres Heimatortes hervor, sondern hat selbst schon Geschichte geschrieben: Im Dezember 2001 wurde sie von der First Lady ins Weisse Haus geladen, um dieser einen ihren filigranen Scherenschnitte als Dekoration für den präsidialen Weihnachtsbaum zu überreichen.

New Glarus’ Finest since 1902: Die freiwillige, örtliche Feuerwehr pflegt regen Kontakt zu den Kollegen in Glarus. Bei gegenseitigen Besuchen löscht man dann auch lieber gemeinsam den Durst statt Brände.

Die frischerkorene Milchkönigin: Anders als bei landläufigen Miss-Wahlen zählt hier neben der Ausstrahlung vorallem die soziale Kompetenz.

“Nein, Heimweh hab ich keines“, beteuert Hans Anderegg, “ich fühle mich schon lange in Amerika zu Hause”. Doch seine Begeisterung, wieder einmal in seiner Muttersprache plaudern zu können, kann er kaum verbergen. Auch wenn der Ex-Affoltener schon seit gut 60 Jahren nicht mehr in der Schweiz wohnt, hat er dennoch ein vielleicht etwas realistischeres Bild von der Schweiz als die meisten New Glarner, die die Schweiz nur von kurzen Stippvisiten und von Erzählungen her kennen. Für viele Menschen hier ist es schier unvorstellbar, dass die Schweiz nicht genau so ist, wie sie hier in New Glarus in all ihren Klischees dargestellt wird.

Das gilt auch für Bill Hoesly. Der gelernte Käser arbeitet tagsüber an der Universität in Madison, jagt in seiner Freizeit Truthahne und Bären und patrouilliert auf den endlosen Landstrassen von Wisconsin mit seiner Harley Davidson. Typischer kann man sich einen Amerikaner wohl kaum vorstellen. Er selbst sieht sich jedoch viel europäischer als es viele seiner Landsleute sind. Schliesslich waren seine Vorfahren tapfere Eidgenossen, die geholfen haben dieses Landes aufzubauen und auch von ihren Tugenden her so zielstrebig waren, wie es sich für ein richtiges Mannsbild gehört. Da verwundert es auch nicht, wenn Bill die Courage der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkrieges preist. Er ist aber nicht der einzige New Glarner, der die Geschichte seiner alten Heimat so adaptiert, dass sie zur eigenen wird. Nicht nur er sieht die Schweiz aus der verklärten Sicht eines Amerikaners, er hat sich die Geschichte so zurechtgelegt, wie sie nun mal in sein Weltbild passt. Schweizer sind in dieser Geschichte vorbehaltslos die Guten und Tapferen – was man als gebürtiger Eidgenosse so nur schwerlich begreifen will. Denn wir in Selbstkritik geübten Schweizer sind uns soviel Bewunderung und Huldigung schlicht nicht gewohnt zu hören. Handkehrum täte es den hiesigen Schwarzmalern bestimmt gut, wieder einmal festzustellen, wie vorzüglich das Image der Schweiz eigentlich noch immer ist. Dazu braucht man bloss eine Reise in die USA zu unternehmen – oder noch genauer nach New Glarus, Wisconsin.

((Bildlgende Hoesly:))
Bill Hoesly: „I don’t have to make cheese to feel complete.“ („Käse allein hilft mir nicht, mein Leben auszufüllen.“)

((Bildlegende Polizei:))
Steve Allbaugh (links) und Kollege vor dem Wilhelm-Tell-Monument: „Zum Glück musste ich noch nie von meiner Waffe Gebrauch machen.“

Wilhelm-Tells Geist macht Schule.
Mit jedem Tag, den man in New Glarus verbringt, kommt man der Seele des Dorfes etwas näher. Auch eine Exkursion zur örtlichen High School wird somit zu einer aufschlussreichen Lektion in Sachen Heimatkunde. Den Kindern merkt man oft ein etwas gespaltenes Verhältnis zu ihrem Heimatort an. Einerseits macht es einer Grosszahl Jugendlicher offenkundig grossen Spass, an den vielen Dorffesten, Brauchtümern und kulturellen Aktivitäten teilzunehmen. Auch wenn es dabei für ihren Geschmack ein bisschen althergebracht zu und her geht, wird den Kids immerhin etwas Action geboten. Andererseits kann eine Jugend in einer dermassen kleinbürgerlichen Umgebung, in der jeder jeden kennt, man einander auf der Strasse beim Vornamen begrüsst und in der Lokalzeitung (“The New Glarus Post”) akribisch alle Straftaten der Vorwoche nachlesen kann („Am letzten Mittwoch wurden zwei Minderjährige beobachtet wie sie hinter der Kirche Zigaretten rauchten.“), ganz schön schrecklich monoton sein. Just bei unserem Termin bei der örtlichen Polizeiwache berichtet uns Steve Allbaugh, der Chief Inspector des New Glarus Police Departements (NGPD), von einem Fall zweier minderjährigen Vandalen, die in den letzten Tagen mutwillig mehrere Fahrzeuge zerkratzt haben.

Doch nicht alle Sprösslinge aus New Glarus treiben in ihrer Freizeit aus purer Langeweile Unfug. Einer der Vorzeigeschüler der Gemeinde ist sicherlich der 14-jährige Josh Wolf. Dieser smarte Teenager engagiert sich in allerlei sozialen Verbänden und spielt seit ein paar Jahren im Wilhelm-Tell-Theater den kleinen Walterli. Und dies sowohl in seiner Muttersprache, als auch in der deutschen Originalfassung – wobei er ja eigentlich kein Wort Deutsch spricht.

Andere versuchen es mit disziplinierter Hingabe an ein Hobby. Wie beispielsweise Jesse Saunders, der bereits mit seinen 17 Jahren professionell Stockcar-Rennen fährt. Diesem kommt natürlich das amerikanische Schulsystem gelegen, welches Schüler mit besonderen Begabungen tatkräftig in ihrer Karriereplanung unterstützt. Doch eine gehörige Portion Eigeninitiative muss man schon an den Tag legen, um als halbwüchsiger New Glarner seiner Freizeitgestaltung sinnvollen Inhalt zu geben. Hier wiederholt sich einmal mehr die Geschichte. Die Geschichte des amerikanischen “way of life” und des ungebrochenen Pioniergeistes, dessen es eben auch noch heute bedarf, um Träume verwirklichen zu können.

((Bildlegende Jesse Saunders:))
„Das kulturelle Erbe und die Vergangenheit von meinem Heimatort interessieren mich eigentlich nicht allzu sehr. Mich interessiert meine Rennfahrerkarriere. Dafür setze ich jede freie Minute ein.“

Das Städtchen der unbegrenzten Möglichkeiten.
Wer in New Glarus lebt, hört so oder so nie mit dem Träumen auf. So schmiedet auch das kleine Städtchen für die nähere Zukunft grosse Pläne. Bloss ein anziehendes Ausflugsziel zu sein, ist den progressiven Kräften der Gemeinde nicht mehr genug. Künftig will New Glarus als Ortschaft den wichtigsten und bedeutsamsten Schweizer Repräsentanten in den USA verkörpern. Ein mehrköpfiges Gremium, in dem nebst Hans Lenzlinger und Kaye Gmur auch der ehemalige Schweizer Botschafter Alfred Delfago und der Glarner Ständerat Fritz Schiesser sitzen, leitet das Projekt “Swiss Center of North America”: ein multifunktionales Begegnungszentrum, wie es für die schweizerisch-amerikanische Freundschaft einmalig wäre. Es soll jedoch viel mehr als bloss ein Museum und Archiv werden, welches die Chronik der Emigranten und der vergangenen 150 Jahre von New Glarus schildert. Dafür dient das 1942 eröffnete Swiss Historical Village Museum im alten Dorfkern, wo man nebst dem Bewahren von Relikten aus den Gründungsjahren auch sorgfältig lokale Historiografie betreibt. Als Präsident dieser Institution ist Brad Beal auch gleichzeitig federführend bei der Swiss Center-Planung und sieht daher keinerlei Interessenkonflikte auf sich zu kommen: “Das Swiss Center hat einen ganz anderen Anspruch. Das Museum wirft einen Blick zurück in die Vergangenheit dieser Ortschaft. Die geplante Stätte richtet ihr Augenmerk jedoch stark in die Zukunft. Der Brückenschlag zwischen der Schweiz und der USA soll verfestigt werden.” Diese fortschrittlichen Absichten wurden auch bereits mit Geldern in Höhe von gut 2 Millionen Dollar belohnt. Nebst Sponsoren aus der Privatwirtschaft und dem Staate Wisconsin hat auch der Chemiekonzern Novartis 400’000 Dollars dem Projekt beigesteuert.

“Das Swiss Center wird noch verstärkter dafür sorgen, dass die Reputation der Schweiz auch kulturell und wirtschaftlich Früchte tragen kann. Wir wollen ein Bild der modernen Schweiz vermitteln, das all ihren Facetten Rechnung trägt”, umschreibt Kaye Gmur die Vorstellungen, welche man an das auf 2005 geplante Zentrum hat. Gemäss dem Motto “Educate, celebrate and connect” soll nebst einer umfassenden Bibliothek und einer Genealogie-Forschungsabteilung vor allem auch eine Plattform geschaffen werden, über welche Schweizer Firmen ihre Beziehungen zu Amerika pflegen, verfestigen oder neu aufbauen können.

((Bildlegende Council:))
Eine strahlende Zukunft: Hans Lenzlinger, Bürgermeister Thomas Myers, Brad Beal und Kaye Gmur arbeiten gemeinsam daran, dass dem kleinen Ort noch viel Grosses bevorsteht.

Dieses aussichtsreiche Vorhaben ist natürlich auch für New Glarus als Gemeinde eine verheissungsvolle Zukunftsperspektive. Bei einem Meeting des Village Boards und der Swiss Center-Kommission erkennt man schnell, dass es hier um die grosse Chance geht, einen weiteren Meilenstein in der Geschichte von New Glarus setzen zu können. Für diese Aufbruchsstimmung steht insbesondere der neue Bürgermeister Thomas Myers. Mit seinen 33 Jahren und seinem Hauptberuf als Klempner vertritt er diese neue Generation, die aktiv an der Zukunft von New Glarus arbeitet.

Es ist schon etwas ganz besonderes, wenn man sieht, wie in einem Ort – mehr als 7000 Kilometer entfernt von der Schweiz – Nachkommen von uns mehr für das Image der Schweiz machen, als wir es selbst je tun würden. Es ist dieser leidenschaftliche Patriotismus auf eine Herkunft, der einen als Besucher nicht nur schmeichelt, sondern fast schon verwundert. Der Ingenieur Kris Kubly, der mit seiner Familie ein stattliches Chalet am Dorfrand bewohnt, drückt diese fremdartige Heimatliebe mit seinen Worten wohl am besten aus: “Fast alle Schweizer, die uns hier besuchen kommen, sind stets verblüfft, dass wir eigentlich viel stolzer auf unsere Schweizer Abstammung sind als sie selbst.”

((Bildlegende Kubly:))
Kris Kubly testet von Berufs wegen die Sicherheit von Fahrzeugen. Als Privatmann ist er stolz auf seine Schweizer Abstammung.

((Bildlegende Lanschaft:))
New Glarus liegt in einer der fruchtbarsten Gegenden Amerikas: Das 12’000 Hektaren grosse Green County bietet noch immer Existenzgrundlage für 1’3000 Farmen.

((Insert Lenzlinger))
Hans Lenzlinger verkörpert die Personifizierung des amerikanischen Traums schlechthin. Als der gebürtige St. Galler in den frühen 70er-Jahren zum ersten mal nach New Glarus kam, war er ein junger Koch aus einer Hotelierfamilie, der einfach mal die Luft der grossen, weiten Welt schnuppern wollte. Bis heute hat der mittlerweile renommierte Geschäftsmann jedoch kaum Zeit gefunden, mal richtig durchzuatmen. 1975 übernahm er vom ortsansässigen Lokalmatador Robbie Schneider das ehrwürdige “New Glarus Hotel” zur Pacht. Dieses 1853 erbaute Chalet wirtschaftete Lenzlinger zu einer der angesagtesten Adressen der Umgebung – massgeblich dank dem auf traditionelle Schweizer Küche spezialisierten Restaurant. Noch heute schwärmen die Touristen in Scharen herbei, um sich vom sympathischen Selfmademan Schweizer Fondue und Raclette auftischen zu lassen. Als sich sein Mentor Schneider mit dem wahnwitzigen Projekt eines 180 Hektar grossen und sechs Millionen Dollar teuren Switzerland-Themeparks an der Dorfgrenze zu New Glarus finanziell ruinierte, packte Lenzlinger die Chance beim Schopf und kaufte ihm das profitable Hotel ab. Währenddessen hatte auch schon der Bau des “Landhaus Chalet Inn” am Dorfeingang begonnen, und so holte der begnadete Gastronom ab 1980 noch mehr Gäste aus aller Welt nach “America’s Little Switzerland”.

Lenzlinger wurde demnach nicht nur zum inoffiziellen Tourismusdirektor von New Glarus, sondern auch ziemlich wohlhabend. Folgerichtig schreibt das “Wisconsin Trails“ über ihn: “Er ist der inoffizielle Botschafter der Schweiz. Er ist die treibende Kraft hinter dem meisten, was Wisconsins Little Switzerland so charmant macht.“ Doch der hemdsärmelige Exilschweizer ist mit beiden Füssen auf dem Boden geblieben und engagiert sich mit Hingabe für seine neue Heimat, die ihm seinen persönlichen Traum ermöglichte. 1985 lancierte er beispielsweise eine eigene New Glarus-Swatch Edition. Zudem sitzt er heute im Vorstand von NEWTAP (New Glarus Tourist And Advertising Promotion), lässt seine guten Beziehungen in der Wirtschaft und Politik bei der Mittelbeschaffung für das geplante Swiss Center of North America spielen und nimmt aktiv an all den zahlreichen Community-Aktivitäten teil – so spielt er zum Beispiel noch immer den Arnold von Melchtal im alljährlichen Wilhelm-Tell-Schauspiel. Und wenn in der Küche ein Koch ausfällt, dann ist er sich nicht zu schade und steht selbst hinter die Töpfe. Auch die amerikanische Version des Hans im Glück kocht nur mit Wasser.

((Insert Barlow))
Das Chalet of the Golden Fleece ist eines der kuriosesten Museen in New Glarus. Es stellt nicht bloss verstaubte Fundstücke aus vergangenen Tagen aus, sondern gewährt einen denkwürdigen Eindruck in das Leben eines schillernden Mannes, der für New Glarus so was war wie Heinrich Pestalozzi für die Schweiz.

Das Chalet im Berner Stil, welches 1937 erbaut wurde, gehört heute der Gemeinde und wird von den beiden Kuratorinnen Katie Elmer (rechts) und Helen Altman (links) unterhalten. Die drei Stockwerke sind voll gestopft mit Antiquitäten aus aller Welt – von einer Juwelenuhr, die einst dem Besitztum von Louis XVI angehörte, über etruskische Ohrringe bis zu einem Schweizer Kachelofen aus dem Jahre 1760. Eine Sammlung so schillernd wie der Mann, der diese Fundstücke aus aller Welt zusammentrug. Edwin Barlow wuchs in einem Nachbardorf von New Glarus auf, verbrachte aber schon bald die meiste Zeit auf Reisen in Europa und dem Rest der Welt. Während seiner Zeit als Theaterregisseur lernte er eine begüterte Dame aus Boston kennen – eine gewisse Clara Bosworth Mather, die ihn 1924 adoptierte und von nun an seine kostspieliges Weltenbummlerdasein finanzierte. Bis zu seinem Tod überquerte der Globetrotter 63-mal per Schiff den Atlantik und unternahm zwei Weltreisen.

Im 1937 errichteten Golden Fleece Chalet empfing er illustre Gäste aus aller Welt und kümmerte sich aber auch um das gesellschaftliche Leben im jungen Dorf. Denn er wollte seinen Reichtum an Sammelobjekten und Erfahrungen stets weitergeben. Er lud zum Beispiel des öfteren die Kinder von New Glarus zu sich und wirkte als Gastgeber von Partys im Kellergeschoss des Hauses. Katie Elmer erinnert sich heute noch lebhaft daran, wie er für sie und andere Jugendliche Speisen aus den Zutaten kochte, die er aus fernen Ländern mitgebracht hatte, und ihnen heimlich Schnaps ausschenkte. Die Momente, wie der weltgewandte Mr. Barlow auf einem Plattenspieler Musik für die jungen Pärchen spielte und ihnen Geschichten von seinen Reisen berichtete, zählen zu den eindrücklichsten Erinnerungen ihrer Jugend. Aber nicht nur die Kinder des Dorfes bewunderten den Junggesellen, auch die Gemeinde schätze ihren weitgereisten Bürger aus guten Gründen. 1947 initiierte und leitete er, von seinen früheren Erfahrungen am Theater angeregt, das Wilhelm-Tell-Festival, welches bis heute das wohl wichtigste kulturelle Aushängeschild von New Glarus geblieben ist. Als er 1957 unerwartet in Ripon, Wisconsin, verstarb, schrieb die wichtigste Lokalzeitung, Monroe Evening Times, in ihrem Nachruf: „New Glarus wird niemals – vermuten wir – einzuschätzen wissen, was für eine Wichtigkeit für die Gemeinde und ihre Zukunft die Jahre gewesen sind, in denen Edwin Barlow hier gelebt hat. Seine Beiträge zum Gemeinwohl werden jedoch eine lange, lange Zeit Wirkung zeigen.“ Und tatsächlich ist es so, dass man beim Rundgang durch das Golden Fleece Chalet immer noch irgendwo seinen Geist zwischen den Holzbalken zu erahnen glaubt.